Digitalmagazin Interview mit Vorstandsvorsitzender Alexander Schulz-Heyn

Digitalmagazin Interview mit Vorstandsvorsitzender Alexander Schulz-Heyn

Digitalmagazin: Herr Schulz-Heyn, der Deutsche IPTV Verband startet demnächst eine Workshopreihe. Was ist der Hintergrund?

 

 

Schulz-Heyn: Der Informationsaustausch für alle IPTV Interessierten ist eine wichtige Aufgabe des Deutschen IPTV Verbandes. Wie schon bei den sehr erfolgreichen Workshopreihen in Berlin und Hamburg, werden wir sowohl in München als auch in Stuttgart wieder alle Aspekte rund um IPTV mit unseren Teilnehmern erörtern. Die Workshops ermöglichen einerseits, Expertenwissen mitzunehmen, andererseits mit Geschäftspartnern in Kontakt zu kommen, um Ideen und Konzepte zu diskutieren. Denn eines ist klar, nur wer beide Welten beherrscht, die Welt des WWW und die der TV Produktion ist bestens aufgestellt, um ein erfolgreiches IPTV Produkt zu etablieren.

 

 

Digitalmagazin: Ist IPTV bereits eine massentaugliche Technik?

 

 

Schulz-Heyn: Ja. IPTV nutzen derzeit über 22 Millionen deutsche Haushalte quasi täglich. Diese Begeisterung der IPTV Nutzer ist ja auch der Grund, warum so viele IPTV als neue Geschäftsgrundlage betrachten. IPTV – also die Übertragung von Bewegtbildern über das Internet oder Hochverfügbarkeitsnetze – stellt übertragungstechnisch kaum noch ein Problem dar. Die Netzbetreiber von Backbones sind ganz andere Zuwachsraten gewöhnt und sie stellen sich heute schon auf enorme zukünftige Datenübertragungen ein – auch ohne IPTV. Aber auch auf der Netzebene 3 und 4 (also der Weg vom Backbone zu den Haushalten) wurden in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt. Wir rechnen mit über 23 Millionen DSL-Anschlüssen Ende dieses Jahres. Im Übrigen werden wir durch optimierte Verteilungsmechanismen und verbesserte Kodierungsverfahren bald keinen Unterschied mehr sehen, ob wir HDTV über das Internet sehen oder klassisch via Broadcast.

 

 

Digitalmagazin: Wo herrscht beim Thema IPTV noch dringender Handlungsbedarf, zum Beispiel hinsichtlich Standardisierung oder Regulierung?

 

 

Schulz-Heyn: Es gibt beim IPTV noch viele Baustellen, um das Leitmedium der Zukunft für alle in der Wertschöpfungskette optimal nutzen zu können. IPTV ist mehr IP als TV, das heißt, TV wird sich den Gesetzmäßigkeiten des WWW angleichen – nicht umgekehrt. Wir arbeiten derzeit mit vielen relevanten Marktteilnehmern daran, praxistaugliche Schnittstellen zu lancieren, die leicht verständlich für jedermann einsetzbar sind und die die alten (komplexen) TV Standards ersetzen. Hier sind vor allem die Themen kollaborative IPTV Produktion, strukturierte Bereitstellung von Content Metadaten, vereinfachtes Lizenzmanagement, Standardisierung von Werbeformaten und Abrechnungsmaßstäben, firmenübergreifende IPTV Community Systeme und Profiling, interoperable Playout- und Empfangsysteme sowie eine einheitliche Zuschaueranalyse und noch vieles mehr zu nennen. Ziel ist es, eine Zertifizierung für Software / Hardware und Videodienste auszugeben.

 

Der Deutsche IPTV Verband setzt sich für die Medienvielfalt im IPTV ein und fördert kleine und mittelständische Kreativunternehmen. Wir wünschen uns eine Regulierung, die die Belange dieser Wirtschaftsgruppe fördert. Gleichzeitig warnen wir vor unangebrachten Regulierungen, Lizenzierungen und einer Bürokratisierung des WWW, die nicht unerhebliche Kosten erzeugt und Kreativpotenzial verschreckt, welches dann eventuell in andere Länder abwandert.

 

Im Gegensatz zu mehr Reglementierung und Verboten setzen wir auf die Stärkung der Medienkompetenz bei den Zuschauern und laden alle Interessensgruppen ein, diese Gemeinschaftsaufgabe ernsthaft anzugehen.

 

 

Digitalmagazin: Auf dem Markt tauchen immer mehr Applikationen und Dienste auf, die verschiedene IPTV Angebote unter einem Soft- oder Hardware-Dach bündeln. Ist dies der Trend der nächsten Monate und Jahre oder wird es zu einer Konsolidierung der verschiedenen Plattformen kommen?

 

 

Schulz-Heyn: Wir werden in den kommenden Jahren noch viele IPTV Angebote und IPTV Geschäftsmodelle kommen und gehen sehen. Wir befinden uns wahrlich am Vorabend einer weiteren Internetrevolution, bei dem am nächsten Morgen das klassische TV keinen Platz mehr haben wird. IPTV Plattformen, die versuchen Einzelangebote zu bündeln und zu vermarkten werden weiter etablieren. Insbesondere für IPTV Plattformen kleiner Communities sehen wir ein großes Potenzial gegeben. Gleiches gilt für Suchsysteme und Abspielplattformen, die videobasierte Inhalte finden und dem Zuschauer ein für ihn optimales Angebot zusammenstellen  – personalisiert oder individualisiert und auf die Nutzungssituation abgestimmt.

Doch wie in der Vergangenheit ist am Ende der Content der wichtigste Faktor. Der Deutsche IPTV Verband setzt sich deswegen dafür ein, dass diejenigen, die den Content erstellen, auch angemessen am Erfolg partizipieren. Wir werden die Produktionsfirmen dahingehend beraten, sich von den Plattformen zu aggregieren, die einen finanziellen Rückfluss stärker berücksichtigen.

Durch die Unterstützung von offenen Schnittstellen in allen Bereichen der IPTV Wertschöpfungskette erhoffen wir uns, dass kleine und mittelständische Softwareunternehmen ihre Innovationskraft effektiver am Markt entfalten können und ihre Videoservices die Zuschauer schneller erreichen.

 

 

Digitalmagazin: Fernsehen über die herkömmlichen Rundfunkwege lebt unter anderem vom „Masseneffekt“, wie wir aktuell während der Fußball-Europameisterschaft erleben können. Kann IPTV dies ebenfalls leisten?

 

 

Schulz-Heyn: Fußball-Meisterschaften und die Olympischen Spiele sind wenige Großereignisse mit Massenwirkung, die zwar das Fernsehen prägen, aber dennoch nur einen kleinen Teil des Programms ausmachen. Der Trend zur individuellen Programmgestaltung mit kleinen und wechselnden Freundesgruppen wird in Zukunft die TV-Nutzung dominieren.

Kleine Gruppen finden sich zusammen und schauen sich gemeinsam oder zeitversetzt Special Interest Formate an und werden online darüber diskutieren. Sie werden so selbst zum Programm. Die Grenze zwischen Zuschauer und Inhalt wird verwischen. Und wer ein Public Viewing Erlebnis sucht, wird vielleicht im 3D-Cyberspace fündig, wo Avatare gemeinsam in virtuelle Stadien zum Fußball gehen.

 

 

Digitalmagazin: Die Online-Aktivitäten von ARD und ZDF werden gerade heiß diskutiert. Wie positioniert sich Ihr Verband dazu?

 

 

Der Deutsche IPTV Verband unterstützt den von der Solidargemeinschaft finanzierten Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk in allen Anstrengungen, die der Bevölkerung zu reflektierten und aufgeklärten Mediennutzern verhelfen. Wir stellen aber fest, dass der Anteil an Bildungs-, Informations- und Kulturprogrammen im Verhältnis zu obendrein teuren Unterhaltungs- und Sportprogrammen nachgelassen hat. Es scheint eher die Divise zu gelten, möglichst viel von dem anzubieten, was der Zuschauer sehen will anstelle dem, was er braucht. Mit dieser Ich-will-alles-und-habe-genug-Geld-Mentalität müssen wir die Online-Aktivitäten der Öffentlich- Rechtlichen Sender ablehnen, da wir befürchten, dass kleine und mittelständische Medienunternehmen mit innovativen Ideen gegenüber dem subventionierten öffentlich-rechtlichen Internet keine Chance haben bzw. in ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihm geraten. Diese monopolistische Situation wollen wir ja gerade verlassen.

Tatsächlich würde ein stark subventioniertes Duales System im Internet die Medienvielfalt hemmen anstatt sie zu fördern. Ein Ausweg wäre die Möglichkeit, auch Formate von privatwirtschaftlichen Unternehmen von den Gebühren zu begünstigen, die einen Public Value Test positiv bestehen. Dazu ist ein unabhängiges Gremium notwendig.

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